
© Florian Stecher
Höflichkeit ≠ Freundlichkeit
Alison Clarke
Univ.Prof. an der ‚Angewandten’ für Designgeschichte und –theorie
Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Es geht für mich dabei vor allem um die Freiheit der Gedanken, des Glaubens und um eine Kultur der Kritikfähigkeit. Diversität bedeutet nicht nur die Akzeptanz von vielfältigen und unterschiedlichen Menschen, Meinungen und Ansichten, sondern die Begeisterung darüber – und die Bereitstellung von Raum und Möglichkeiten diese Vielfalt zu leben.
Identität sollte aus dem Individuum erwachsen und nicht durch äußere Umstände definiert werden. Menschen sollten in der Lage sein, ihre eigene Identität zu wählen.
Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Den Umgang mit Diversität habe ich bereits in meiner Schulzeit, in einer ganz normalen Dorfschule in den Siebziger Jahren in England gelernt: In unserem Unterricht wurde uns gezeigt wie man einen Sari richtig bindet und wir haben viel über hinduistische Geschichte erfahren. Es wurde uns beigebracht, dass es verschiedenste Lebensweisen und Weltsichten gibt. Und uns SchülerInnen wurde eine Haltung entgegengebracht, die unsere Meinung wertschätzte und uns zu konstruktiver Kritik aufforderte, die individuelle Wertigkeit wurde hervorgehoben.
Ich bin Diversität also gewohnt, zumal ich aus London komme und diese Stadt ist so durchmischt, dass niemand dort eine Fremde bzw. ein Fremder ist. Man befindet sich ständig in Gesellschaft von Menschen die ‚anders’ sind. Im Englischen gibt es das konkrete Wort ‚Ausländer’ gar nicht. Es wird nicht auf Nationen fokusiert. In London kommt es mir gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, von wo jemand kommt. In Wien ist es meiner Beobachtung nach anders. Die Kultur der Ein- und Ausschließung scheint in Wien stark verankert zu sein, was sich auch in der städtebaulichen Analogie von Ring und Gürtel zeigt. Innerhalb des Rings ist es anders als außerhalb des Rings und innerhalb des Gürtels existiert eine andere Welt als außerhalb des Gürtels.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Ich gehöre zur so genannten Migrationselite: ich bin weiß, beruflich bedingt in Wien und es war eine selbst gewählte Entscheidung in einem anderen Teil Europas zu leben. Selbst ich erlebe manchmal Repressalien, wie müssen sich erst Menschen fühlen, die meine Privilegien nicht genießen. Die tief verwurzelte Geschichte österreichischer Bürokratie und die Geschichte als Binnenland mit den damit verbundenen Sicherheitsbedürfnissen bedingt anscheinend oft Inklusion und Exklusion.
Ich war schockiert, als meine DoktoratsstudentInnen, die aus der Türkei kommen, Schwierigkeiten hatten in Wien eine Wohnung zu mieten, weil sie einfach nur als unerwünschte TürkInnen gesehen wurden.
Die österreichische Kultur bietet viele Sicherheiten, es wird aber auch vieles unterdrückt. Mir scheint, dass die Gemütlichkeit in der wir hier leben einen recht hohen Preis hat.
Was mich auch oft zu einer Außenseiterin macht, ist dass es viele kulturelle Besonderheiten gibt, die aber nicht besprochen oder erklärt werden, wie beispielsweise ‚Fenstertage’ oder ‚Spargelsaison’, oder dass man sich immer die Hände schüttelt und alle Kinder Ski fahren müssen. Diese althergebrachten Gebräuche sind wunderbar, aber meine Unsicherheit in Bezug auf sie machen mir immer wieder bewusst, dass ich nicht wirklich dazugehöre. Es hat etwas von der ‚wir sind wir’ Mentalität, die ‚andere’ leicht ausschließt. Es ist nicht leicht sich zu assimilieren. Meiner Meinung nach gibt es hier keine Kultur der Assimilation. Es ist weniger ein Problem der Sprache als vielmehr der Kultur, sich in Wien zu recht zu finden und heimisch zu fühlen. Ich für mich habe erkannt, dass es auch Vorteile hat eine Außenseiterin zu sein, es erhält beispielsweise einen unvoreingenommen Blick auf Gegebenheiten und ich habe meinen Status und den Umstand akzeptiert, mit zwei oder mehr Kulturen parallel zu leben. Was mir auch auffällt ist, dass in Wien Manieren eine wichtige Rolle spielen, und auch Ausschluss bedingen, doch Höflichkeit und Freundlichkeit decken sich nicht immer.
Welche Erfahrungen haben Sie mit zugehörig sein’, sich angenommen und eingebunden fühlen?
In Wien fühle ich mich grundsätzlich sehr wohl, denn die Wiener Stadtpolitik scheint mir eine Politik der Integration zu sein. In den letzten fünf Jahren hat sich in Wien viel verändert, es wurde vielfältiger. Ich habe StudentInnen aus der Türkei, aus China, Serbien, Großbritannien und vielen anderen Ländern bekommen. Das freut mich und ich glaube ohne diesen Wandel würde ich auch nicht in Wien leben wollen. Viele meiner internationalen FreundInnen, die Österreich nur aus den Nachrichten kennen, sehen es als sehr konservatives und ‚rechts gelagertes’ Land. Ich erzähle ihnen dann von Wien – dieser sehr speziellen Stadt, die anders ist. In Wien gibt es so viele Vergnügungen, wie zum Beispiel die Freibäder, und Veranstaltungen, die für alle zugänglich und günstig sind. Sie fördern Inklusion und man spürt das ‚rote Wien’. Auffälliig ist auch die Diversität der verschiedenen Altersgruppen. Wahrscheinlich hat es mit der Rentensicherung zu tun. In London gibt es diese Durchmischung der Generationen leider kaum mehr. Londons Zentrum ist nur noch bevölkert von ‚global rich young’. Wien erscheint mir als eine Stadt, die um Vielfalt bemüht ist. Allerdings sind die nationalen Parameter und die Strukturen, die Menschen in In- und AusländerInnen einteilen noch immer sehr spürbar und ich hoffe, das wird sich weiterhin verändern.
Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Der grüne Prater und der Wurstl-Prater sind keinem Bezirk und keiner sozialen oder ethnischen Schicht eindeutig zuordenbar. Die ehemaligen kaiserlichen Jagdgründe, die für das Volk geöffnet wurden, sind wirklich für alle zugänglich und machen Vielfalt erlebbar. Der Prater könnte auch in London oder New York sein, so bunt ist es hier, und dennoch ist er typisch wienerisch.
Sie leben seit 7 Jahren in Wien - wie würden Sie Ihre Identität beschreiben? Hat sie sich hier verändert?
sie sich hier verändert?
Ich sehe mich nun als ‚english’, seltsamerweise nicht als ‚british’. Als ich noch in London gelebt habe, hätte ich mich allerdings nie so beschrieben.
Ich denke, meine Identität hat sich verändert – vor allem auch dadurch, dass meine Kinder hier, in einer anderen Kultur, aufwachsen. Ein Kind wurde hier geboren, das andere war noch ganz klein, als wir nach Österreich kamen. Die beiden sind definitiv ‚österreichisch-englisch’. Sie sind mehr österreichisch als englisch geprägt, auch wenn sie keine österreichische Staatsbürgerschaft haben. Ihre Spiele und Lieder und sogar ihre kulinarischen Vorlieben sind wienerisch. Sie fluchen auch auf wienerisch. In mir löst das typische ‚Immigranten-Gefühle’ aus, aber ich komme mit den verschiedenen Identitäten zurecht.


