Spielplätze der Vielfalt
Andreas Gebesmair
Soziologe
Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ (Vielfalt) und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Ich verbinde damit wissenschaftliche Diskurse, die ich mit Skepsis betrachte, da die beiden Begriffe auch zu ‚Modebegriffen’ eines Hypes geworden sind. Meiner Meinung nach stehen sie im Widerspruch zu einander. Während Identität mit Stabilität zusammenhängt, ist Diversität etwas das Stabilität herausfordert. Die Frage stellt sich, wie weit die Vielfalt reicht. Die ‚chice’ Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen, die auch ein bisschen zurechtgemacht werden kann, wird begrüßt. Doch wo es nicht mehr so chic ist, wird es schnell unbehaglich und wird im politischen Diskurs auch oft den Rechten überlassen.
Wenn von Diversität die Rede ist, geht es auch um eingeschränkte Vielfalt: AlkoholikerInnen aus der Unterschicht sind wohl nicht mitgemeint, gelobt wird dann lieber afrikanische Musik oder Kulinarik – das ist chic.
Ich bin auch skeptisch gegenüber hybriden Identitäten. Ich denke, Menschen stoßen beim Umgang mit Diversität auf Grenzen.
Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Das hängt sehr stark vom Kontext ab. Bei einer gut definierten Form der Begegnung, wie es beispielsweise bei wissenschaftlichen Konventionen der Fall ist, ist es egal wer wer ist und woher sie oder er kommt. Die schützenden Rahmenbedingungen machen es leicht sich zu begegnen. In undefinierten Situationen ist es schwieriger. Es gibt zwar eine ‚Noramlitätsannahme’ - man geht also davon aus, dass man sich verständigen kann – dennoch ist es herausfordender. Allerdings befinde ich mich sehr selten in solchen Situationen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Eigentlich keine. Zumindest in Wien gibt es keinen Ort, wo ich mich nicht grundlegend verständigen könnte. Ich denke, das kann mir in Wien überall gelingen. Ich habe natürlich nicht überall automatisch Zutritt, aber ich suche auch nicht den Eintritt in Hip Hop-Cliquen. Grundsätzlich hat Wien meiner Erfahrung nach eine hohe soziale Durchlässigkeit. Eigentlich können fast alle überall hin. Ich finde, es gibt hier weniger soziale Ausgrenzung als z.B. in Amerika. Das ist meine persönliche Erfahrung als weißer und männlicher Österreicher. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Menschen anderer Herkunft Wien auch ganz anders erleben.
Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Ein neuer Erfahrungsrahmen der Vielfalt hat sich mir durch meine zwei Jungs erschlossen: Spielplätze! Es gibt in den verschiedenen Bezirken verschiedene soziale Milieus, die sich auf Spielplätzen sehr oft mischen. Wie bei uns im fünften Bezirk, wo auf dem Spielplatz auch Cliquen von Jugendlichen ‚herumhängen’, die sehr heterogen sind. Einige Jugendliche haben migrantischen Hintergrund, aber viele nicht und die Milieuhintergründe sind sehr unterschiedlich. Es ist oft die Rede von Parallelgesellschaften, doch was ich nun auf den Spielplätzen wahrnehme ist eine ungeahnte Vermischung. Mein Sohn geht damit völlig gelassen und unbeeindruckt um. Als Soziologe beobachte ich natürlich häufig durch die ‚soziologische Brille’ und mir ist auch aufgefallen, dass beispielsweise im 4. Bezirk, im ‚Planquadrat’ (http://www.wien.gv.at/umwelt/parks/anlagen/plan-quadrat.html) viele AusländerInnen sind, die eher wohlhabend wirken. Ich schließe daraus, dass Wien inzwischen auch für Menschen aus akademischen Milieus aus anderen Ländern – viele wahrscheinlich aus Osteuropa – attraktiv geworden ist. Und Wien braucht diese Menschen.
Das Haus in der Rampersdorferstrasse, im Fünften, in dem ich während meiner Studienzeit gewohnt habe, war für mich auch ein Ort der Vielfalt. Dort lebten alteingesessene WienerInnen, türkische Familien, StudentInnen, AlkoholikerInnen, MindestrentnerInnen und gutsituierte PensoinistInnen zusammen. Eine spannende Dynamik entstand, als wir gemeinsam Strategien gegen die kriminellen Vorgehensweisen der Hausverwaltung erarbeiteten.
Sie leben als Österreicher in Wien. Wie sehen Sie sich selbst? Wie würden Sie sich und Ihre Identität beschreiben?
Ich definiere mich schon eher über meine akademische Ausbildung und darüber, dass ich mich hauptsächlich in einem akademischen Umfeld bewege. Trotzdem fühle ich mich auch als Österreicher, auch wenn es unchic wurde sich so zu nennen. Es ist manchmal ambivalent, ein Kokettieren mit dem österreichisch Sein und doch will ich in erster Linie als Akademiker wahrgenommen werden.
Ändert sich Ihre Identität in unterschiedlichen Umgebungen / Situationen?
Identität ist schon vom Kontext abhängig, sie spielt im Ausland eine andere Rolle. Beispielsweise wollte ich, als ich in Amerika lebte, am Departement der Universität ganz stolz für die österreichischen Künstler geworben, die gerade in der Stadt waren.
Wenn ich bei meiner Verwandtschaft in Oberösterreich bin, steht die akademische Identität nicht im Vordergrund.
Es gibt unterschiedliche Schichten der eigenen Identität, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich akzentuiert werden können, man kann Identität aber nicht einfach wie ein Hemd wechseln. Und es gibt auch äußere Zwänge. Eine Kollegin mit migrantischem Hintergrund erzählte mir, wie schwer es für sie ist, aus der ethnischen Rolle rauszukommen. Sie wird oft aufgefordert, als RepräsentantIn einer anderen Kultur aufzutreten.



