Wien ist anders - ich auch
Impressum
Ivona Brandic
Ivona Brandic
Ivona Brandic
Ivona Brandic
© Florian Stecher

Nicht geduldet, sondern gewünscht

Ivona Brandic

Informatikerin

Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ (Vielfalt) und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Identität ist für mich, das was ich bin – die Summe aller Erlebnisse, aller Situationen, in denen ich mich befunden habe, egal ob gut oder schlecht, das Ergebnisse aller Fehler und Erkenntnisse, die ich gemacht habe – mein ganzes Leben. Meine Identität ist das, was ich aus meinem Leben mache.
Bei Diversität denke ich an Reichtum. Jede Erfahrung mit einem Menschen, der anders ist als ich, empfinde ich als Bereicherung. Diversität zeichnet mein tägliches Leben aus, meinen Berufsalltag. Es ist für mich sehr spannend, dass es auf ein Problem viele verschiedene Sichtweisen gibt.

Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Ich glaube ich habe ein Fingerspitzengefühl dafür entwickelt, mich in andere Menschen hinversetzen zu können, da ich in meinem bisherigen Leben auch schon oft ‚anders’ war. Als Teenager, der ohne Deutschkenntnisse nach Österreich kam, als Studentin mit migrantischem Hintergrund, als Frau in der ‚Männerdomäne’ Informatik, als Wissenschafterin, die interdisziplinär arbeitet – ich bin in vielerlei Hinsicht ‚anders’.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Ich fühlte mich ausgegrenzt, als ich nicht fließend deutsch sprach – das war nicht einfach und hat mich geprägt.

Wann fühlen Sie sich fremd in Wien?
Ich fühle mich schon als echte Wienerin. Die allgemeine Haltung gegenüber Flüchtlingen und ImmigrantInnen ist aber anders als vor 20 Jahren. Österreich sieht sich anscheinend nicht als Einwanderungsland, was es aber ist.

Wo in Wien fühlen Sie sich ‚zugehörig’ und angenommen?
Als ich vor zwanzig Jahren nach Wien kam, war die Stimmung so, dass ich mich hier erwünscht gefühlt habe, nicht nur geduldet. Obwohl meine Eltern ohne alles kamen und die Sprache nicht konnten, fühlten wir uns willkommen. Das ist wichtig, das half mir dabei, vom Flüchtlingsstatus zum Status einer Universitätsassistentin zu gelangen. Das ist wichtig, das half mir vom Flüchtlingsstatus zum Professorenstatus zu gelangen. Man braucht persönliche und institutionelle Hilfestellungen, Bildungsmöglichkeiten und Vorbilder. Wenn ich jetzt im Hörsaal vor StudentInnen stehe, spüre ich, dass ich hierher gehöre. Meine berufliche Community, mein Freundeskreis und meine Familie gibt mir Bestätigung für meine Arbeit und für mich als Mensch.

Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Auf der Prater Hauptallee ist es völlig egal wie man ist, wer man ist oder was man an hat. Man kann sein, wie man will. Und auf der Technischen Universität arbeite ich jeden Tag mit StudentInnen und KollegInnen aus allen Ländern der Welt. Auch auf dem Naschmarkt trifft man Leute von überall her. Am Karlsplatz und im Resselpark sind auch sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen sozialen Zugehörigkeiten. In der Staatsoper sind sowohl die Leute auf der Bühne, also auch das Publikum sehr international und unterschiedlich.

Sie leben seit 20 Jahren in Wien. Wie sehen Sie sich selbst?
Ich bin Österreicherin mit bosnischer Herkunft, ich spreche täglich drei verschiedene Sprachen, meine KollegInnen kommen aus Vietnam, China, Australien, Nigeria, Brasilien und vielen anderen Ländern.
Ich bin von vielen verschiedenen Menschen und Ideen beeinflusst. Teil meiner Identität ist es, dass ich auch fremde Ideen, Methoden, Arbeitsweisen und Menschen auf mich zukommen lasse und offen bin. Dadurch entstehen auch neue Formen der Freundschaft, die durch eine höhere Mobilität und ständige Lebensveränderungen entstehen. Viele meiner FreundInnen sind nicht mehr oder nicht ständig in Österreich – wir kommunizieren über das Internet und sehen uns ein, zwei mal im Jahr.

Ändert sich Ihre Identität in unterschiedlichen Umgebungen / Situationen?
Identität ist für mich ein Teil der Persönlichkeit, die sich weiter entwickelt.


Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und TechnologiefondsStadt Wien, Wien ist anders