Wien ist anders - ich auch
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Josef Penninger
Josef Penninger
© Florian Stecher

Wien soll Toronto werden

Josef Penninger

Genetiker, IMBA

Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ (Vielfalt) und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Diversivität ist biologisch absolut notwendig. Und gesunde und erfolgreiche Gesellschaften zeichnen sich durch große Diversität aus. Toronto, wo ich viele Jahre gelebt habe, ist zum Beispiel ein Modell für das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Soziale und nationale Herkunft und Religionen spielen dort keine Rolle. Nur etwa 0,1 Prozent unserer Gene bestimmen unsere äußere Erscheinung. Es gibt keinen biologischen Hinweis auf ‚Rassen’ aber große kulturell bedingte Unterschiede.

Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Es gibt Menschen die ich mag oder nicht mag – völlig unabhängig vom Aussehen und der kulturellen Prägung. Anders sein ist wunderbar und macht Leute erst interessant.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Meine Frau kommt aus China. Unsere Kinder wurden in der U-Bahn schon angepöbelt. Das ist absolut nicht akzeptabel. Das ist doch mein Kind. Intoleranz halte ich nicht aus. Auch wenn Augen unterschiedlich aussehen können, sind wir keine ‚anderen’ Menschen. In Toronto war ich oft der einzige Weiße in der U-Bahn. Da reden die Leute einen nicht blöd an, weil man ‚anders’ ist. Ich denke, dass in 15-20 Jahren Wien wie Toronto sein wird. Nicht so sehr in Bezug auf eine sichtbare Diversität – die meisten EuropäerInnen schauen ja ähnlich aus-, aber in Bezug auf die intellektuelle und kulturelle Diversität. Ich freue mich schon auf diese Zukunft.

Wann fühlen Sie sich fremd in Wien?
Eine Weltstadt muss Mut zu Vielfalt haben. Selbst große Parteien versuchen, aus Fremdenfeindlichkeit Stimmen raus zu holen. Keiner traut sich klar zu sagen, wie wichtig Vielfalt für eine Stadt ist. Man sollte Diversität aktiv ansprechen und fördern, klar signalisieren: wir wollen Vielfalt. Ich bin auch sehr dafür, die Universitäten zu öffnen. Was kann besseres passieren, als dass viele AusländerInnen hier studieren? Kultureller Austausch wird gefördert und unsere Lebensweise wird dadurch in die ganze Welt getragen. Die USA fördern ausländische StudentInnen und sie wissen um die damit verbundene Verbreitung des ‚American Way of Life’ und dessen internationale Einflussnahme.

Wann fühlen Sie sich zugehörig in Wien?
Wenn ich mit meinen Freunden Fußball spiele.

Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Vor hundert Jahren war Wien eine Weltstadt. Das sollte auch die Zukunft von Wien sein. Vorbilder für Toleranz können Toronto, Vancouver, Boston, Montreal, New York oder San Francisco sein. Für Wien habe ich den Wunsch, dass in zehn Jahren ein chinesischer Bürgermeister jeden Samstag in die Moschee geht und das völlig ‚normal’ ist. Eine Insel der Diversität in Wien ist der Campus Vienna Biocenter. Menschen aus 40 Nationen arbeiten hier zusammen. Wissenschaft ist wie ein großer Schirm, der Leute zusammen bringt. Der Campus ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie es funktionieren kann. Hier gibt es eine riesige Vielfalt im Denken und die wissenschaftliche Ausbildung schafft eine Plattform, wo man ohne Schranken miteinander reden kann. Es gibt auch Schulen in Wien, die wunderbar sind, wo mehr als 20 Sprachen gesprochen werden und Werte gelehrt werden, die universell gültig sind. Ich habe einige im Rahmen des ‚Global Dignity Day’ kennen gelernt. (http://globaldignity.org/view/DIGNITYPRINCIPLES/)

Nach vielen Jahren, die Sie in anderen Ländern verbracht haben, leben Sie nun wieder in Ihrer ursprünglichen Heimat. Wie wichtig ist Ihre Identität für Sie?
Meine Wurzeln sind mir wichtig. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Ich war in einem Internat, auf der Universität, lange in Kanada und lebe nun erstmals in Wien. Ich brauche ein paar Wurzeln und meine Freunde. Zu wissen, wo man herkommt, ist wichtig, um nicht als Blatt durch die Welt zu schweben. Mit der eigenen Familie schafft man auch eine eigene Identität, vor allem wenn die Familienmitglieder aus verschiedenen Kulturen kommen.

Ändert sich Ihre Identität in unterschiedlichen Umgebungen / Situationen?
Nein.


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