Wien ist anders - ich auch
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Jürgen Sandkühler
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© Florian Stecher

Ohne Diversität keine Kreativität und Identität

Jürgen Sandkühler

Hirnforscher

Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ (Vielfalt) und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Wenn ich als Forscher, der natürlich immer auf der Suche nach den knappen Förderquellen ist, die beiden Begriffe höre, denke ich zuerst an den aktuellen WWTF-Call.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, da gehörte kulturelle Diversität schon immer zum Alltag. Das Ruhrgebiet war der Melting Pot in Deutschland. Flüchtlinge und später GastarbeiterInnen kamen in großer Zahl. Ich erinnere mich an eine Preisverleihung 1964, als dem einmillionsten Gastarbeiter von der Regierung ein Motorrad geschenkt wurde. Die Fotos in den Zeitungen zeigten ihn lächelnd auf dem Motorrad sitzen. Für mich war das Foto ein Beweis dafür, wie willkommen uns die Gäste sind. Die GastarbeiterInnen in meiner Kindheit waren einfache, hart arbeitende Menschen. Innerhalb einer Generation hat sich dieses Bild schon gewandelt. Der italienische Gastarbeiter wurde zum ‚Edel-Italiener’, dessen Lebensstil, italienische Mode und mediterane Küche nun sehr geschätzt wird. Viele GastarbeiterInnen wurden zu GastgeberInnen, wovon nicht nur Deutschland kulturell profitiert.

Mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammen zu leben war für mich normal, ein Teil meiner Heimat. Als krassen Gegensatz dazu empfand ich die Uniformität in der DDR. Die Medienberichte über das verordnete Gleichsein in der DDR löste in mir Unverständnis aus – dieser Zwang nach Einheitlichkeit war für mich befremdlich und stand im Widerspruch zu der Vielfalt, wie ich sie kannte.

Als Leiter eines Forschungszentrums erlebe ich ständig Diversität. Allein die ForscherInnen aus meiner Arbeitsgruppe kommen aus Griechenland, Kanada, England, Japan, Österreich und Deutschland. Wir erfahren täglich, dass Diversität eine gute Voraussetzung für Kreativität ist. Um neue Ideen und Lösungen zu finden, brauchen wir unterschiedliche Herangehensweisen, Lebenserfahrungen und Ausbildungen. Wenn alle im Team gleich denken, kommt nichts wirklich Neues zustande.

Als Hirnforscher würde ich sagen, dass sich Identität aus den Lebenserfahrungen bildet, die sich in unserem bewussten oder unbewussten Gedächtnis gesammelt haben. Die eigenen Erinnerungen werden von uns allerdings immer wieder modifiziert und neu interpretiert. Identität beruht daher teilweise auch auf selbst gemachten Illusionen, auf den wandelbaren Interpretationen unserer Erinnerungen. Diversität erscheint mir eine der Grundlagen für Identität zu sein. Vielfalt ermöglicht die Reflexion über Unterschiede und trägt zur Bildung einer eigenen Identität bei. Diversität und Identität sind die beiden Seiten einer Medaille.

Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Ich habe mich zeitlebens in einem Umfeld bewegt in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft wichtige Rollen gespielt haben. Ich empfinde das als eine ganz normale Bereicherung meines Lebens. Als kritisch würde ich nur Situationen einschätzen, wo Gewalt eine Rolle spielt oder spielen könnte und mir mein Repertoire an Konfliktlösungspotenzial unwirksam oder unbrauchbar erscheint. Das Wort ‚befremdlich’ hat für mich nichts mit ‚fremd sein’ zu tun, eher mit ‚nicht einzuordnen’. Mich befremdet daher auch manchmal das Verhalten vertrauter Menschen oder mein eigenes in Konfliktsituationen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Ich bin viel gereist und schon so manches mal in neue Städte und Länder umgezogen. Das war spannend und führte nie dazu, dass ich mich für längere Zeit fremd fühlte. Als ich nach Wien gezogen bin gab es immer wieder einmal Situationen die mir klar machten, dass ich in einer neuen Heimat gelandet war. So stand einmal ein Handwerker vor mir und erklärte mir in allen Einzelheiten und in breitem Dialekt, was er repariert hatte – und ich verstand natürlich kaum ein Wort. Ich sagte ihm, dass ich ihn nicht verstünde, und er erklärte das gleiche noch ein Mal – nun etwas lauter. Immer noch keine Verständigung. Nochmals dieselbe Erklärung, nun deutlich lauter und etwas ärgerlich, was mein Verständnisproblem auch nicht beseitigt hat. Ich hab’ dann einfach brav die Arbeit quittiert und die Rechnung bezahlt. Wenn ich mit dem Taxi von meiner Wiener Wohnung zum Flughafen fahre kommt es schon immer mal vor, dass mir ein freundlicher Taxifahrer eine gute ‚Heimreise’ wünscht. Da komme ich mir schon vor wie der ewige Tourist in Wien.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚zugehörig sein’, sich angenommen und eingebunden fühlen?
Die gleiche Art von Humor zu haben ist für mich dafür ein Indikator. Lachen ist unkontrolliert, impulsiv und daher authentisch. Wenn ich mit Menschen gemeinsam über die gleichen Dinge lachen kann, wenn ich die Scherze meiner KollegInnen und FreundInnen hier verstehe und lustig finde und sie auch über meine lachen, spüre ich Gemeinsamkeiten. Die kulturelle und ethnische Vielfalt in Wien bietet mir Antworten auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Hier kenne ich mich inzwischen gut aus und weiß, wo ich hingehen kann, um Musik live zu erleben oder einfach aber gut zu essen auch ohne lange vorher zu planen und reservieren zu müssen. Wenn ich mich spontan mit Freunden oder Gästen abends in der Stadt verabreden kann – dann spüre ich Wien ist mein zuhause.
Ich gehöre glücklicherweise einer Bevölkerungsgruppe an, die Ausgrenzung selbst kaum erfahren muss. Ich kann mich fast überall frei bewegen und fühle mich in Umgebungen mit oder ohne Kleiderordnung gleichermaßen wohl.

Als meine Frau, ich und der harte Kern unserer Gäste nach unserem Hochzeitsfest um 5 Uhr Früh in Hochzeitskleid und Hochzeitsanzug noch in eine Diskothek gingen, waren wir schon überrascht, dass niemand dort überrascht war. Hier gab es offenbar auch in den Köpfen der Menschen keinerlei Kleiderordnung. In Wien in die Oper, in ein klassisches Konzert oder natürlich auf einen der Bälle zu gehen, bedeutet eine entsprechende Kleidung zu wählen, was ich auch okay finde. In London ist es anders: es ist nichts Außergewöhnliches direkt nach der Arbeit oder mit Einkaufstüten bepackt ins Konzert zu gehen.

Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Dazu muss man eigentlich nur durch die Stadt spazieren. Z.B. bei den vielen Veranstaltungen auf dem Rathausplatz treffe ich immer wieder auf eine beeindruckende Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Und natürlich auf den open-air Festen wie die ‚Afrika Tage Wien’ aber auch auf der Universität, auf dem Universitäts Campus (Altes AKH) und im MuseumsQuartier. Im Leopold Museum, dem Mumok und dem Kunstforum.

Sie leben seit fast 10 Jahren in Wien - wie würden Sie Ihre Identität beschreiben? Hat sie sich hier verändert?
Ich würde mich nicht als Wiener bezeichnen, aber Wien ist meine Wahlheimat. Es hat mich nicht hierher verschlagen, ich will hier sein. Ich habe Angebote aus Deutschland, den USA oder Kananda ausgeschlagen, weil ich gern’ in Wien lebe.

Als ich in Deutschland gelebt habe, war es für mich belanglos und gelegentlich sogar belastend Deutscher zu sein. Seit ich im Ausland lebe, kann ich mich damit besser identifizieren, allerdings sind Nationalitäten keine Klassifikationen die mir besonders wichtig sind. Ich lebe nicht als Deutscher in Wien und habe auch kein Bedürfnis mich Gruppen aus der gleichen Nationalität anzuschließen.


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