Begegnungen der dritte Art
Nina Kusturica
Regisseurin
Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Diversität löst Positives in mir aus – es klingt nach Möglichkeiten, nach Bewegung und Buntem. Identität ist für mich negativ behaftet, es ist meiner Ansicht nach ein Ersatzbegriff für ‚Nationaliät’. ‚Identität’ ist das höflichere Wort dafür, wenn man ‚pc’ sein will. Für mich ist es ein mathematischer Begriff, der nichts Persönliches bedeutet.
Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Ich freue mich als Filmemacherin Menschen kennen zu lernen, die anders sind als die, die ich schon kenne. Durch sie kann ich mehr über das Leben lernen. Ich habe Sehnsucht nach diesen Begegnungen und freue mich, wenn Menschen Fragen in mir auslösen. Ich bin eine neugierige Person und will andere besser kennen lernen. Vielleicht würde ich in Geschäftsbeziehungen anders empfinden, es wäre eine größere Herausforderung, das Gegenüber kaum zu kennen. Bei den Dreharbeiten kam ich oft mit zwanzig neuen Menschen am Tag in Kontakt. Alle von ihnen hatten ihre eigene Denkweise, ihre eigene Wünsche und ihre eigenen Möglichkeiten sich auszudrücken.
Bei den Dreharbeiten mit den jugendlichen Flüchtlingen bei meinem letzten Film ‚Little Aliens’ zeigte sich, dass sie oft fremdbestimmt sind, dass sie kaum Verantwortung für ihr Leben übernehmen dürfen und ihnen ihre persönliche Freiheit genommen wird, wenn sie in Österreich um Asyl angesuchen. Sie haben einen lebensgefährlichen Weg mit Glück und Geschick hinter sich gebracht und werden nun wie jemand behandelt, der unfähig ist sein Leben zu gestalten.
Ich bekam manchmal Probleme mit den Betreuungseinrichtungen, denn ich verhielt mich einfach fordernd und klar mit den Jugendlichen. Den anfänglichen Vorsatz, nicht Teil der Geschichte der Menschen zu werden, über die wir die Dokumentation drehen, konnten wir nicht einhalten. Wir sind gemeinsam durch etwas gegangen.
Ich war gerade auf einer Tagung transkulturellen Tagung, auf der viel darüber debattiert wurde, wie sehr die Arbeit der TherapeutInnen mit traumatisierten Menschen, politisch sein darf. Ich habe aus meiner persönlichen Erfahrung und den Erlebnissen beim Filmen von Little Alien gesprochen. Politisch sind die Gesetze und das System sowieso, deswegen finde ich es umso wichtiger in der Zivilgesellschaft Möglichkeiten zu finden, den Flüchtlingen als Menschen zu begegnen, mit Mitgefühl und Verständnis für ihre schwierige Situation.
Vor Verfolgung oder Krieg zu fliehen, eine lebensgefährlichen Weg auf sich zu nehmen und hier vor dem Nichts zu leben, ohne das Recht zu arbeiten und selbstverantwortlich zu leben, ist eine extrem belastende Lebenssituation.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Ich bin als 17jährige nach Österreich geflüchtet und habe mich hier ‚eingegrenzt’ gefühlt. Ich war eingeschlossen in meiner Welt, in der ‚Bubble’ der Flüchtlinge aus Bosnien. Am meisten beschäftigte mich die Frage, wie ich mit den Menschen hier in Kontakt kommen und sie kennen lernen kann, wie sie mich ohne irgendeine gemeinsame Vorgeschichte annehmen können.
Und werden wir überhaupt hier je arbeiten oder bleiben dürfen? Oder ist jeder Versuch der Integration ohnehin umsonst?
Die ersten Kontakte knüpften wir zu den NachbarInnen, an den Orten, an denen wir gerade untergebracht worden sind. Das hat uns die Welt bedeutet. Diese Begegnungen waren das Tor zur Welt. Interessanterweise wohnt meine ganze Familie noch immer im 3. Bezirk, unserem ersten Fluchtort. Inzwischen leben meine Eltern, meine Schwestern, ich und mein Mann auf 4 Wohnungen aufgeteilte – aber wir alle leben noch im 3. Bezirk.
Wo / wann fühlen Sie sich fremd in Wien?
Auf Ämtern in Wien erlebte ich schon vieles, dass mich annehmen lässt, dass es sich dabei um eine alte kaiserliche Tradition handeln muss: die Unmöglichkeit sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Entweder man wird von den BeamtInnen von oben herab behandelt oder man muss es umgekehrt so machen. Wenn von 30 Begegnungen mit BeamtInnen eine gut ist, ist es wie ein Lottogewinn. Die netten BeamtInnen sind dafür umso zuvorkommender, als müssten sie die Unfreundlichkeit ihrer KollegInnen ausgleichen. Seit ich die österreichische Staatsbürgerschaft besitze, die ich nach 12 Jahren in Österreich bekommen habe, sind weniger Amtswege notwendig und damit ist vieles leichter für mich geworden.
Während der Dreharbeiten zu ‚Little Alien’ hatte ich wieder sehr viele Begegnungen mit Ämtern und Gesetzen – manche von ihnen war Begegnungen der Dritten Art.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚zugehörig sein’, sich angenommen und eingebunden fühlen?
Eineinhalb Jahre nachdem ich nach Österreich kam, begann ich mein Studium auf der Filmakadamie. Damit begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben. Ich fühlte mich nicht mehr ausgegrenzt bzw. eingegrenzt - ich weiß nicht, wie ich es ohne das Studium geschafft hätte, einen Freundeskreis und ein stabiles Leben aufzubauen.
Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Als ich die ersten Male nach unserer Flucht aktiv nach außen und mit meiner kleinen Schwester spazieren ging, um FreundeInnen für sie zu finden, verbrachten wir gerne unsere Zeit am Kolonitzplatz.
Ich bin nicht sehr offensichtlich ‚anders’, deshalb ist es für mich an vielen Orten einfach. Die größte Vielfalt und Möglichkeit, so zu sein wie man ist, erlebt man meiner Erfahrung nach an Orten, an denen Kunst passiert. Zum Beispiel am Karlsplatz während ‚Kino unter Sternen’, bei Festivals und Kulturprogrammen. Ich mag auch den Donaukanal, den Karmelitermarkt– und die Jesuitenwiese im Prater.
Sie leben seit 17 Jahren in Österreich und haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie würden Sie Ihre Identität beschreiben?
Da der Begriff ‚Identität’ für mich ein ‚Kriegsbegriff’ ist, ein Instrument des Kriegs, um Nationalismus hoch zu halten, lehne ich es ab, mich darüber zu beschreiben. Ich definiere mich über biografische Fakten. Ich komme von dort, das und das ist passiert, jetzt bin ich hier, das und das mache ich... Das ist mein Zugang, nicht das Sprechen über Ideologie, Religion oder Erziehung. Ich wurde nicht einfach in etwas hineingeboren und dadurch geprägt. Wenn über ‚Identität’ gesprochen wird – so habe ich es erlebt - entsteht immer nur Schaden. Der Begriff ist ein Instrument der ausgrenzenden Macht für mich.



