Lob der Ähnlichkeit
Sandeep Kumar
Filmemacher und Managementberater
Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Ich bin in Indien mit einer sehr grossen Diversität aufgewachsen. Es leben Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit verschiedenen Sprachen und vier, fünf Religionen zusammen. Alle werden gleich gesehen, was sich auch darin zeigt, dass der indische Präsident immer wechselweise aus einer anderen Religion stammt. Mal ist es ein Muslim, mal ein Christ, dann ein Hindu und so weiter. Diversität ist für mich auch die Vielfalt von Meinungen. Offene, liberale Ansichten existieren neben Konservativen. Wichtig ist eine gemeinsame Sprache, in Indien ist die verbindende Sprache englisch, hier in Wien ist es deutsch.
Diversität wird nun meistens als Reichtum, als ‚Plus’ angesehen, auch von Leuten, von denen man es nicht erwartet hätte. Die meisten Menschen mögen Diversität, es ist ‚in’. Vor 20 Jahren war es noch anders.
Ein Beispiel für Diversität ist für mich auch, dass Bollywood, eine Kunstform aus einem anderen Kulturkreis, in Wien so gut ankommt. Ich denke, es liegt daran, dass menschliche Emotionen über kulturelle Grenzen hinweg sehr ähnlich sind und es viel Verbindendes gibt.
Mit seiner ‚Identität’ präsentiert man sich an die Außenwelt. Die Identität kann geografisch bestimmt sein, oder beruflich – ich bin Inder, ich bin Filmemacher, ich bin ein Weltmensch... – es kommt darauf an, wie man sich gerade fühlt. Identität ist ein dynamischer Prozess und ein Spiegelbild des individuellen Bewusstseins. Formale Identitäten wie Staatszugehörigkeiten sind für mich weniger wichtig.
Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Mit erscheinen wenige Menschen ‚fremd’. Für mich haben Unterschiede zwischen Menschen nicht mehr viel mit Kulturellem und Sprachlichem zu tun, sondern mehr mit anderen Denkweisen. Egal wo und mit wem man zusammentrifft, die Hürde ist immer die gleiche: es gilt eine gemeinsame Sprache zu finden, nicht nur verbal, sondern eine gemeinsame Form der Verständigung. Ich habe keine Vorurteile über Menschen und gehe sehr offen auf alle und jede/n zu – vielleicht fällt es mir deshalb leicht immer wieder Wege der Kommunikation zu finden. Einmal ist es mir passiert, dass ich in einem Kaufhaus plötzlich Jörg Haider gegenüberstand. Ich war so überrascht, dass ich ‚Schön Sie hier zu sehen.’ sagte. Woraufhin er das gleiche sagte und wir uns dann interessant unterhalten haben. Ich will Menschen als Menschen sehen, eine Ebene finden, wo man gemeinsame Punkte hat. Unterschiede und Reibungspunkte kann man immer finden, doch die Frage ist, wo man hin will. Ich fokussiere lieber auf Ähnlichkeiten, denn durch das Zeigen von Unterschieden, entstehen auch Unterschiede.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Ich bin in Neu Delhi aufgewachsen, habe lange in New York gelebt und bevor ich vor zehn Jahren nach Wien kam habe ich in Deutschland gewohnt. Ich war immer wieder überrascht über die Haltung vieler Deutscher gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Sie haben auf uns herabgesehen und gleichzeitig Angst gehabt, dass wir ihnen ihre Jobs wegnehmen. Sie sahen sich selbst als die Weltbesten, die Globalisierung außen vor lassen könnten. Das hat sich inzwischen verändert. Doch damals in Frankfurt gab es auch diese primitiven Ausgrenzungen aufgrund von Haut- und Haarfarbe. In manche Clubs wurde ich nicht hineingelassen. In Wien war ich erstaunt über das multikulturelle, friedliche Zusammenleben. Sicher gibt es immer wieder Einzelne, die ihre Verblüffung über Neues und ‚Andere’ mehr oder wenig höflich artikulieren, doch ich denke es ist der Ausdruck unzureichender Kenntnisse und großer Probleme mit sich selbst. Eigentlich ist es doch immer nur eine wirtschaftliche Frage, welche Perspektive eingenommen werden kann. Ich kenne beispielsweise keine UNO-MitarbeiterInnen, die nicht gut aufgenommen werden und sich untereinander, egal woher sie kommen, nicht gut verstehen. Durch wirtschaftliche Bedingungen entstehen Schichten und Unsicherheiten und verschiedene Levels von Bildung.
Welche Erfahrungen haben Sie mit zugehörig sein’, sich angenommen und eingebunden fühlen?
Die drei immer wiederkehrenden Fragen lauten: ‚Woher kommst du? Warum sprichst du so gut deutsch? Willst du hier bleiben?’ Diese Fragen habe ich in Deutschland ständig gehört. In Wien noch nie. Das tut gut.
Wien gibt mir viel – hier konnte ich mir meinen Traum erfüllen und einen Film in dieser wunderbaren Umgebung drehen.
Ich begegne hier eigentlich nur warmherzigen Menschen und empfinde es als Vorteil, dass ich anders aussehe – so werde ich leichter wieder erkannt. Indien hat nun, auch durch die wirtschaftliche Entwicklung und das Bollywood-Kino, ein gutes Image, das macht es auch leichter.
Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Ich gehe sehr gerne durch die kleinen Gassen im ersten Bezirk. Es ist wie eine Reise durch die Vergangenheit, in eine andere Welt und man begegnet unterschiedlichsten Menschen – und findet zu sich selbst. Bei Clubbings im Aux Gazelles ist immer eine bunte Mischung an Leuten – sicher 80% sind Nicht-ÖsterreicherInnen. Ich mag die Mariahilferstrasse, auch die Donauinsel und die Copa Cagrana und den Volksgarten. Toll ist auch der Graben im Ersten, der 16. Bezirk und der Naschmarkt. Der für mich beeindruckendste Ort in Wien ist das Russendenkmal am Schwarzenbergplatz, weil die Säulen für so Vieles stehen und mit dem Springbrunnen davor ist es einfach inspirierend.
Sie leben seit 10 Jahren in Wien - wie würden Sie Ihre Identität beschreiben?
Ich sehe mich als Weltmenschen mit indischen Herzen und indischer Seele, der sehr gerne in Wien lebt und die guten Aspekte von Indien und Österreich zu einer idealen Mischung verbinden möchte.



