Von einander lernen
Tanju Cengiz
Jurist
Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Meine Identität ist durch Vielfalt geprägt, denn sie verbirgt mehrere Kulturen in sich: ‚Zwei Seelen wohnen in meiner Brust’, wie Goethe es nannte.In mir lebt sowohl die österreichische als auch die türkische Kultur. Allerdings ist auch die türkische Kultur für mich vielfältig, denn meine Wurzeln reichen bis in den Kaukasus zurück und so ist auch die abchasische Kultur für mich wichtig. Meine Familie gehörte auch in der Türkei zu einer Minderheit.
Diversität bedeutet für mich Offenheit gegenüber anderen Kulturen, eine Flexibilität gegenüber vorgegebenen Rollen und die Fähigkeit, nicht an starren Traditionen festhalten zu müssen. Menschen die aufgeschlossen denken, können mit Diversität gut umgehen und können den Wert von Vielfalt als Bereicherung erleben. Für die, die diesen Wert nicht wahrnehmen können, ist sie ein Horror und mit Angst verbunden.
Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Es fällt mir sehr leicht, da ich mich in andere gut hineinversetzen kann. Im ersten Augenblick begibt man sich schon manchmal auf Glatteis, wenn man zu jemandem kaum Ähnlichkeiten erkennen kann, und dennoch den Schritt wagt, sich einzulassen. Ich mache den Schritt gerne, wenn ich dabei keine konkrete Gefahr für Leib und Seele befürchten muss.
Wie man mit ‚Fremden’ bzw. ‚Fremdem’ umgeht ist wahrscheinlich eine Sache der Einstellung, der Erziehung – und damit meine ich nicht nur die Orientierung die das Elternhaus geboten hat, sondern die Selbsterziehung. Man kann sich selbst zu einem offenen Menschen erziehen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
Als ich ein Teenager und verliebt war, bekam ich etwas zu spüren, das ich vorher nicht kannte: die Eltern meiner Freundin lehnten mich einfach ab, sie wollten keinen türkischen Freund für ihre Tochter. Sie wollten nicht, dass ich Zutritt zu der Familie bekomme. Damals habe ich mich zum ersten Mal richtig ‚fremd’ gefühlt.
Inzwischen mache ich kaum noch negative Erfahrungen. Mit der Zeit lernt man auch, sich mit Menschen zu umgeben, mit denen ein Wohlfühlen möglich ist - und die anderen zu meiden. Es gibt Menschen, die verwechseln Assimilation mit Integration. Würde ich alles Türkische ‚loslassen’, wäre ich für manche endlich ‚integriert’ und hätte es vielleicht auch in der Arbeitswelt leichter. Doch ich spreche auch weiterhin Deutsch und Türkisch, sogar Abchasisch, eine Sprache, die meine Familie vor 150 Jahren gesprochen hat. Ich halte an den Werten fest, die mir vermittelt worden sind, denn sie bereichern mich, bin aber total offen für das Neue, das positiv auf meine Weiterentwicklung wirkt. Es ist aber nicht immer von Vorteil, dieses ‚Fremde’ in den Vordergrund zu stellen, denn manche Menschen tun sich schwer im Umgang damit, auch wenn sie es gar nicht so böse meinen. Man kann sich bald auf Glatteis befinden, wenn man sich in einer kulturell ungewohnten Umgebung befindet. Könnte ja passieren, dass man ungewollt in ein Fettnäpfchen tritt, indem man etwas sagt oder etwas tut, was in der Kultur des Gegenübers total verpönt ist. Da hilft nur eines, sich selbst erziehen und informieren, nicht immer von den anderen verlangen, dass sie sich ändern und sich der Mehrheit anpassen. Das hilft auch um Vorurteilen vorzubeugen. Gesellschaften haben so unterschiedliche Regelwerke des Umgangs entwickelt, um ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben zu ermöglichen – all diese unterschiedlichen Verhaltensweisen gilt es zu erkennen und damit respektvoll umzugehen. Und wir könnten auch von einander lernen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit zugehörig sein’, sich angenommen und eingebunden fühlen?
Ich bin in Vorarlberg aufgewachsen und bin nach der Matura nach Wien gekommen – hier fühle ich mich sehr wohl, denn in einer Großstadt gibt es viele Menschen, die über den Tellerrand hinaus sehen und nicht in ihren Gedanken eingeengt sind. Sie sehen dich wie du bist und können das ‚Anderssein’ auch als Vorteil wahrnehmen. In Wien ist es nicht so schwierig Menschen zu finden, die keine Angst vor Fremdem haben.
Wo in Wien fühlen Sie sich ‚zugehörig’ und angenommen?
Während meiner Studienzeit habe ich bei internationalen Austausch-Programmen mitgewirkt und mich in dem Umfeld total zu Hause gefühlt. Da waren alle fremd und damit alle gleich. Ich habe mit 0:0 beginnen können, nicht wie sonst meistens mit 1:0 hinten, wie ich es alleine dadurch, dass ich kein österreichischer Staatsbürger war, erlebt habe. Obwohl meine Grosseltern und Eltern hier lebten und ich in Österreich geboren wurde, bekam ich erst nach einem bürokratischen Hürdenlauf die Staatsbürgerschaft. In den USA wird den Menschen von Geburt an die Chance gegeben, sich zu Hause zu fühlen und AmerikanerIn zu sein. Vielleicht sollten wir von den USA lernen, auch im Hinblick auf die Jugendlichen, die in Österreich leben, aber zwischen zwei Kulturen ‚verloren’ sind und sich weder zu der österreichischen Kultur, noch zur Kultur ihrer Vorfahren zugehörig fühlen. Integration braucht Entgegenkommen – von allen Seiten.
Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Am Naschmarkt und am Brunnenmarkt fühle ich mich wirklich wohl. Hier treffen sich Menschen, die ‚Fremdes’ nicht als etwas Negatives ansehen. Wenn man lernt mit Ungewohntem umzugehen, kann man viel lernen. Hier ist eine angenehme Umgebung dafür.
Im Kent, einem Lokal am Brunnenmarkt, trifft sich die halbe Welt zum Essen, Tratschen oder Fußballschauen – Menschen aus dem Orient, aus Afrika, Lateinamerika und Österreich sitzen zusammen.
Sie wurden in Österreich geboren. Wie sehen Sie sich selbst? Wie würden Sie sich selbst und Ihre Identität beschreiben?
Ich fände es schade, meine alte, meine türkische Kultur zu verlieren. Ich bin froh, mehrere Kulturen in mir zu tragen und hoffe, diese Vielfalt auch weiter geben zu können.



