Wien ist anders - ich auch
Impressum
Zwetelina Ortega
Zwetelina Ortega
Zwetelina Ortega
Zwetelina Ortega
© Florian Stecher

Kunst als Bindeglied

Zwetelina Ortega

Geschäftsführerin des Vereins ‚Wirtschaft für Integration'

Was lösen die Begriffe ‚Diversität’ (Vielfalt) und ‚Identität’ in Ihnen aus?
Für mich sind die Begriffe sehr positiv besetzt, da ich viele positive Erlebnisse in meiner Arbeit, vor allem in den Projekten mit Jugendlichen damit habe. Diversität bedeutet für mich Chancen und Lebenskraft zu haben.

Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Personen zu begegnen, die Ihnen ‚anders’ oder befremdlich erscheinen?
Ich denke, dass jede/r Vorurteile hat. Meiner Meinung nach sollte man dazu stehen und das Gefühl der Verunsicherung zulassen. Das scheint mir der beste Weg zu sein, sich von Vorurteilen zu verabschieden. Um sie abzubauen, ist es notwendig sie zu hinterfragen. ‚Was genau erscheint mir denn so befremdlich zu sein? Was verunsichert mich?’ Wenn ich mit solchen Fragen an mir arbeite, wird es einfacher, sich ‚Anderen’ zu öffnen.
Angst und Abneigung zu empfinden ist menschlich, doch es geht darum, sich nicht damit abzufinden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ‚fremd sein’, sich ausgegrenzt fühlen?
‚BalkanmigrantInnen’ werden nach wie vor als AusländerInnen der ‚2.Kategorie’ gesehen. Wenn man beispielsweise aus Spanien kommt, wie mein Mann, wird man als AusländerIn der ‚1. Kategorie’ wahrgenommen.
Ich war auch erstaunt über die eher verschlossene Atmosphäre auf der Universität in Wien. Alles spielte sich in kleinen Grüppchen ab.

Wann fühlen Sie sich fremd in Wien?
Das hängt mehr von der sozialen Zusammensetzung von Gruppen ab, als von der kulturellen. In sozialen Schichten, wo ganz andere Menschen leben, als ich sie kenne, fühle ich mich ‚fremd’. Allerdings ist Wien für mich eine Stadt, die eine sehr hohe soziale Durchmischung, auch städtebaulich, geschafft hat und soziale und kulturelle Unterschiede überwindet. Es gibt wenige trostlose Orte in Wien. Die Stadt erscheint mir als eine sehr freundliche.

Wo in Wien fühlen Sie sich ‚zugehörig’ und angenommen?
Das Gefühl der Zugehörigkeit verstärkt sich bei mir in Kontexten der Kunst. Kunstveranstaltungen im MuseumsQuartier, gemeinsam mit FreundInnen und KollegInnen zu geniessen tut gut. Kunst ist für mich eine gemeinsame Sprache und löst ein starkes Zugehörigkeitsgefühl aus.

Wo in Wien trifft man ganz unterschiedliche Leute und hat den Eindruck, dass Wien eine Weltstadt ist?
Das MuseumsQuartier erinnert mich an Barcelona, an Paris, an Madrid. Es ist das Flair, das es ermöglicht, das verschiedene Bahnen sich kreuzen. Kunst ist das Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Menschen im MuseumsQuartier – zwischen all den Müttern mit den Kindern, den TouristInnen, Geschäftsleuten, StudentInnen. Im Museumsquartier kann man sich gehen und Dinge geschehen lassen. Viele verschiedene Lebensweisen können sich hier verbinden.
Die alten, traditionsreichen Wiener Kaffeehäuser, wie das Café Central, das Sperl, das Ritter oder das Café Prückel bieten eine Atmosphäre, die fast nirgendwo sonst auf der Welt zu finden ist - und eine unfreundliche Bedienung für alle – hier werden wirklich keine Unterschiede gemacht.

Sie leben seit Ihrem 8. Lebensjahr in Wien. Wie sehen Sie sich selbst?
Ich habe oft das Gefühl, dass ich in einer ‚3. Dimension’ lebe – ich gehöre weder voll und ganz zur Mehrheitsgesellschaft, noch zu meiner ‚Ursprungsgesellschaft’. Ich bin wohl die ‚eineinhalbte’ Generation, eine Hybrididentität. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht zweiteilen und entscheiden muss.
Folklore und nationale Aspekte empfinde ich als Hindernisse, sie sind wie ein Klotz am Bein. Meine Identität wird nicht durch Nationalität und Folklore gebildet, sondern durch die Begegnungen mit Menschen und durch die Kultur, die mich umgibt. Sich kulturgeschichtlich auszukennen ist sicher gut, doch verklärte Bilder der ursprünglichen Heimat halte ich für bedenklich - sie sind verzerrt.

Ändert sich Ihre Identität in unterschiedlichen Umgebungen / Situationen?
Identität ist beweglich, sie ist nicht fixiert. Meine Identität verändert sich mit mir mit. Ich lasse viele Einflüsse zu und schöpfe aus dieser Mischung meine Identität. Es scheint mir wichtig zu sein, die eigene Identität manchmal aus einer gewissen Distanz zu betrachten, um sie besser wahrnehmen zu können. ‚Wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus?’ - sich diese Fragen zu stellen ist ein intensiver und herausfordernder Prozess, und nicht alles, was man erkennt und dabei erblickt gefällt einem.


Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und TechnologiefondsStadt Wien, Wien ist anders